Kann man Motivation messen? Und was hat dies mit Selbst­ma­nage­ment zu tun? Diese Fragen stellte sich 2014 Markus Orschler aus Berlin in seinem Projekt ACHULIO – cleveres Selbst­ma­nage­ment. Dabei berichtet er von seinen ganz per­sön­li­chen Erfahrungen mit drei ver­schie­de­nen Systemen – dem Reiss-Profile, der MotivStrukturAnalyse und der MotivationsPotenzialAnalyse. Interessant ist seine in­di­vi­duel­le Wahrnehmung und Wertung der drei Systeme – lesen Sie selbst.

Redaktioneller Hinweis

Dieser Beitrag erschien am 15. Juli 2014 unter dem Titel „Motivation 3/4 – Kann man Motivation messen?“ im Blog von Markus Orschler (ACHULIO – cleveres Selbst­ma­nage­ment). Diesen Blog gibt es nicht mehr. Wir veröffentlichen den Text hier erneut, damit er auffindbar bleibt.

Das Original enthielt drei Abbildungen — Ausschnitte aus seinen eigenen Aus­wer­tun­gen nach Reiss-Profile, MotivStrukturAnalyse und MotivationsPotenzialAnalyse. Diese Bilddateien sind mit der abgeschalteten Seite verlorengegangen und auch im Internet Archive nicht erhalten. Wir haben den Text deshalb an diesen Stellen leicht redaktionell überarbeitet, damit er ohne die Abbildungen ver­ständ­lich bleibt. Der übrige Wortlaut ist unverändert.

Die archivierte Originalfassung ist im Internet Archive einsehbar.

Blogbeitrag von Markus Orschler

Heute folgt der dritte Beitrag zum Thema Motivation, nämlich wie Du Dir Deine eigenen Motive bewusst machen kannst. Für diesen Zweck gibt es – welch Überraschung – Tests, Fragebögen und Analyseinstrumente. Ich habe mich damit bereits seit mehreren Jahren immer mal wieder (kritisch) auseinander gesetzt und den Nutzen sowie die Schwächen analysiert. Im Folgenden stelle ich dir drei gängige Motiv-Werkzeuge vor und gebe Dir Tipps, wie Du diese für Deine Ziele nutzen kannst.

Erforschung der Mo­ti­va­tion

Bereits in der Antike und im China vor Christus beschäftigten sich die Philosophen mit dem Konzept des Hedonismus, dem Streben nach Lustgewinn (und dem Vermeiden von Schmerz und Leid) und dem Vorteil altruistischer Handlungen. Sie nahmen an, dass das Verlangen nach Glück und Lust die natürliche Triebfeder des Menschen sei.

Mehr als 2000 Jahre später wurde dieser Gedanke in Europa weitergehführt. Die Begründer des so genannten Uti­li­ta­ris­mus, allen voran Jeremy Bentham, begründeten Ende des 18. Jahrhunderts eine auf hedonistischen Prinzipien basierende Ethik. Sie nahmen diese Form der Motivation jedoch weniger als natürlich an, sondern empfahlen es als zweckdienliches Moralpostulat. Uti­li­ta­ris­mus definiert diejenigen Handlungen als wertemäßig gut und richtig, die in der beteiligten Gruppe den meisten Betroffenen der Handlung/ Ent­schei­dung nutzt. Dass dieser Ansatz nicht mehr ganz zeitgemäß ist, führt Thomas Metzinger aus, Professor für theoretische Philosophie an der Uni Mainz. Ich habe letztes Jahr einen spannenden Vortrag von ihm gehört, in dem er eine Umkehr des utilitaristischen Denkens forderte, was er „negativer Uti­li­ta­ris­mus“ nennt. Eine zeitgemäße Handlungsmaxime sei, so Metzinger, wenn die jeweilige Handlung/ Ent­schei­dung in der beteiligten Gruppe den wenigsten Betroffenen schadet. In beiden Ansätzen sollen Werte die natürliche Handlungsmotivation be­ein­flus­sen.

Die beachtlichste Erweiterung dieses Konzeptes brachte wohl Burrhus F. Skinner, der Begründer des Behaviourismus. Er nahm an, dass unser Verhalten ebenso wie unsere Motive durch das positive und negative Feedback unserer Umgebung verändert wird. Dieser Ansatz, dass auch Motive (teilweise) erlernt sind, wirft die Frage auf, ob und inwiefern sie auch in späteren Jahren noch veränderbar sind oder sich verändern. Dies ergänzt die Forschungen Iwan Pawlows zur klassischen Konditionierung (Stichworte Hund und Glocke), der zeigte, wie sich ein bestimmtes Verhalten mit der Verbindung von vorhandenen und initiierten Reizen be­ein­flus­sen lässt. Durch klassisches Kon­di­tio­nie­ren lässt sich demnach ein bereits vorhandenes Verhaltensmuster variieren. Skinner zeigte darüber hinaus auf, wie durch nachgelagerte Belohnung und Strafe die Motivation zu einem neuen Verhalten erzeugt wird. Er nannte dies operantes Kon­di­tio­nie­ren. Die Dressur in der Schule mit widernatürlichem Stillsitzen unter Strafandrohung oder das Belohnen von (unmotiviertem) Auswendiglernen ist ein Beispiel für operantes Kon­di­tio­nie­ren. Diese Form der Beeinflussung nutzen auch Politik, Medien und Werbung gerne, es hemmt die Verstandesleistung und lenkt unser Verhalten in gewünschte Bahnen.

Parallel dazu ist noch die mo­ti­va­tio­na­le Tiefenpsychologie des Sigismund Freud zu nennen. Vereinfacht gesagt sieht er im Menschen nicht viel mehr als einen triebsublimierten Bonobo, dem es stets nur um die Befriedigung seines sexuellen Triebs geht. Aggressionne spielen ebenfalls eine Rolle (also auch ein bisschen Schimpanse) ansonsten sind seine Einfälle eher eindimensional. Später wurde sein Ansatz um weitere Triebfedern erweitert.

Abraham Maslow versuchte die Triebfedern des menschlichen Verhaltens in einer Pyramiden-Hierarchie zu erklären. Dieser Ansatz gilt als nicht wis­sen­schaft­lich und entbehrt zudem eines praktischen Nutzens. Er basiert auf Platons Philosophie und ist so allgemein und kurzfristig angelegt, dass es vielleicht den Primatenforschern dienen kann, um Impulsverhalten nachzuvollziehen. Für das menschliche Verhalten sehe ich keinen Ansatz, um daraus ein Motivationssystem zu verstehen oder aufzubauen. Dennoch wird die Maslowsche Bedürfnis-Pyramide nach wie vor gelegentlich verwendet, vermutlich gerade weil der Ansatz so einfach ist, dass ihn jeder Lehrende ohne Aufwand verstehen kann.

Moderne Mess-Instrumente: Reiss-Profile vs. Motiv­Struktur­Analyse

Auf völlig pseudowissenschaftliche Tests wie MBTI, die weder valide, noch reliabel sind, gehe ich im Folgenden nicht ein. Dies möchte ich, der Vollständigkeit halber, erwähnen. Zu den umstrittenen, jedoch definitiv verbreiteten Analysetools gehört das Reiss-Profile, ein kostenpflichtiger Onlinetest. Professor Steven Reiss, der unter anderem an der Uni Yale ausgebildet wurde, bildete in den 1990er Jahren Klassen von 16 Grund-Motiven und erstellte darauf basierend einen Test, den er 2000 veröffentlichte. Dieses Reiss-Profil verspricht, die Ausrichtung der einzelnen Motive ermitteln zu können. Diese Mo­tiv­struk­tur war in dieser Art ein Novum und wäre ein großer Schritt für den zielgerichteten Einsatz von Motivationsmaßnahmen. Dank eines hervorragenden Marketings und guter PR-Arbeit fand das Profil rasch Verbreitung in Personalabteilungen, dem Spitzensport und zur Diagnostik im Coaching. Erst nach und nach stellte sich heraus, dass die Motivkriterien so vage formuliert sind, dass die empfundenen Treffer auf dem so genannten Barnum-Effekt basieren. Das bedeutet, dass all­ge­mein­gül­ti­ge Aussagen wie im Reiss-Profil verwendet – ähnlich wie bei Horoskopen – von den meisten Menschen als wahr erachtet werden. Doch dies ist nicht die einzige Schwäche des Instruments. Auch die Vermischung von Motiven und Werten im Fragebogen stimmt mich skeptisch.

Einige dieser Wertungsfaktoren wurden in der deutschen Wei­ter­ent­wick­lung des Reiss-Profils, der so genannten MotivStrukturAnalyse (im Folgenden MSA), verbessert und manche Motive dem europäischen Sprachgebrauch angepasst. Doch auch dieses System krankt noch an grundlegenden Systemfehlern. Im Folgenden stelle ich die beiden Modelle dennoch vor und weise auf die Un­ter­schie­de hin. Warum? Erstens sind es die bekanntesten Tests zum Thema und zweitens kannst Du den Aufbau und die einzelnen Motive nutzen, um dir ei­gen­stän­dig Gedanken dazu zu machen. Im Folgenden siehst du als Ausschnitt die ersten sechs Motive meiner per­sön­li­chen Analysen, die ich vor einigen Jahren erstellen ließ.

Aufbau und Systematik Reiss und MSA

Beide Profile halten den wis­sen­schaft­li­chen Gü­te­kri­te­rien stand, sind also objktiv, reliabel und valide, also von dem wie sie testen in Ordnung. Kritisch bleibt eben nur das, was genau sie testen und am Ende ausgeben. Die eigenen Ergebnisse dieser Tests werden mit Daten anderer Teilnehmern abgeglichen. Welche Daten das und wie aktuell diese sind, konnte (wollte) mir bisher keiner der Berater mitteilen. So erhält man zwar ein persönliches Ergebnis, das jedoch an einem nicht nachvollziehbaren Durchschnitt bemessen wird (was mich nicht optimal zufrieden stellt).

Was mir bei Reiss rasch unangenehm auffiel, war die Farbgebung. Dafür, dass Professor Reiss in seinen Aufsätzen mehrfach betonte, dass Motive stets wertneutral sind, si­gna­li­sie­ren mir Farben wie rot und grün etwas anderes, ebenso die Bewertungen, wie hoch oder niedrig das Motiv angeblich sei. Ins­be­son­de­re deswegen, weil es aus meinem Empfinden irreführend ist von einem niedrigen Motiv zu sprechen. Vielmehr deutet das an, dass das entgegen gesetzte Motiv ent­spre­chend hoch ist. Hier sehe ich die MSA für mich vorne, die beide Punkte besser umsetzt und nicht gewichtet/ bewertet.

Auffällig ist zunächst die ähnliche Reihenfolge der Motive, bei der sich mir der Verdacht aufdrängt, es handle sich bereits um eine Bewertungs-Hierarchie. Während beim ame­ri­ka­ni­schen Modell von Reiss der Machtaspekt ganz oben steht, dominiert beim deutschen Pendant das Wissen. Das deckt sich mit den gängigen Klischees unserer Arbeitswelten. In beiden Profilen spiegelt sich bei mir beim Macht-Motiv eine starke Tendenz zum Anführen wider, was sich auch mit meinem Naturell seit der Kindheit deckt. Ich war nie der Angepasste, habe alles hinterfragt und niemanden respektiert, nur weil er über mir stand. Ich war Klassensprecher, Schülersprecher, Kollegstufensprecher, Chefredakteur der Schülerzeitung, Vorsitzender in ver­schie­de­nen Vereinen, Sprecherrat im Studentischen Konvent und arbeite heute in führender Position.

Die permanente Bevormundung durch Eltern und Lehrer hat mir ernsthaft psychisch zugesetzt und ich empfand dadurch enormen Stress. In solch einem klaren Fall scheinen die Tests also schon mal beide gut zu funktionieren. Dafür hätte ich jedoch auch keine Analyse für mehrere hundert Euro benötigt, denn das habe ich bereits selbst beobachten können. Es bleibt zudem die Frage offen, was da ursächlich ist, also ob mir die Bevormundung so zugesetzt hat, weil es dieses starke Motiv des Alphas in mir unterdrückt hat oder ob mein unterdrückendes und überbehütendes Umfeld letztendlich dieses Motiv in mir ausgeprägt hat. Schon beim anderen Top-Motiv fangen die Systeme zu flirren an.

Während mein Wissensdurst und die Motivation nach kognitivem Verstehen in der MSA überdeutlich heraustritt, liegt meine „Neugier“ laut Reiss im Normalbereich. Dies liegt vermutlich auch an den Fragen dazu. Eine Frage aus dem Reiss-Profil, die ich mir damals mitnotiert habe: „Ich mag Spiele, besonders wenn sie geistig an­spruchs­voll sind.“ Daneben habe ich mir damals in meinem Skizzenheft notiert: 1.) Ich mag Spiele generell nicht. 2.) Auf wessen Geist bezieht sich das „an­spruchs­voll“? Ich habe damals bei dieser Frage ent­spre­chend wenige Punkte vergeben, schlicht weil ich “Spiele” für mich damals an und für sich geistig weniger an­spruchs­voll definiert habe, als bei­spiels­wei­se kreative Tätigkeiten. Während andere Kinder Egoshooter spielten, „zockte“ ich Photoshop und InDesign. Mein letztes Spiel am Computer war Tetris – und das war damals sogar noch halbwegs aktuell. Heute würde ich diese Frage anders beantworten, weil ich Spiel heute anders verstehen würde. Ein weiteres Manko des Systems: Sprachliche Ungenauigkeit in mehrfacher Hinsicht.

Beim Thema Status verhält es sich bei meinen Testergebnissen genau anders herum (im Ausschnitt oben bei Reiss nicht abgebildet). Hier ist die Ausprägung bei Reiss gering, bei der MSA ziemlich stark. Bei Reiss wird der Status jedoch vornehmlich über Geld und materielle Güter abgefragt, also klare WERTE (das, was mir wichtig ist – im Unterschied zu Motiven, das was mich glücklich macht). Beispiel: „Reich zu werden, ist eines meiner wichtigsten Lebensziele“ oder „Designer-Marken beeindrucken mich“. So etwas beantworte ich mit “kaum zutreffend”, weil mich weder das eine noch das andere sonderlich beeindruckt. Ich verdiene gerne genug, um nicht knapsen zu müssen und kaufe mir auch mal Markenklamotten. Beeindruckt bin ich davon jedoch bei anderen nicht und es motiviert mein Handeln kaum. Bei der MSA gingen die Fragen zum gleichen Motiv eher in Richtung Bildungsstatus und Selbstverantwortung. Und siehe da, plötzlich ist mein Motiv völlig anders gewichtet, weil mir das nicht nur wichtig ist, sondern mich emotional antreibt (siehe Motiv Wissen). Diese WERTE sind für mich höher gewichtet und eben auch an Motive geknüpft, die von Reiss nicht. Also solltest du Dir am Besten Deine eigenen Gedanken zu den Mo­tiv­ka­te­go­rien machen.

Fazit: Leichte Vorteile der Motiv­Struktur­Analyse gegenüber Reiss-Profil

Die MSA stellt meines Erachtens auch eindeutiger hervor, welche Stärke auf beiden Seiten der Skala liegt: Bei Reiss bin ich wenig ordentlich und muss nachschlagen, was das im Positiven beinhaltet. Bei der MSA steht dort bereits „Fle­xi­bi­li­tät“. Das ist der Motor für Kreativität, innovatives Denken, spontanes Handeln und für Aspekte wie Schlagfertigkeit. Darin finde ich mich wieder. Dennoch bin ich immer wieder überrascht, wenn mich Kollegen oder Bekannte als so ordentlich und struk­tu­riert einschätzen, was ich grund­sätz­lich sowas von gar nicht bin. Allerdings sind wir hier wieder bei meinem sowohl als auch. Auch das kreativste Chaos benötigt ein Ziel, um produktiv sein zu können.

Es stellen sich mir also folgende Fragen. 1.) wie stark verlagert sich das Ergebnis von Reiss zu MSA durch den Vergleich mit eher ame­ri­ka­ni­schen oder eher deutschen Profilausfüllern? Bin ich also, verglichen mit dem typischen Ami, eher bescheiden, für einen Deutschen jedoch schon zu elitär? Und 2.) testen die Profile denn tatsächlich auch das, was am Ende hinten rauskommt? Wie gut sind also die Fragen, die zu den Motiven hinführen.

Wie ich oben bereits ausgeführt habe, wird nicht erfüllt, womit geworben wird. Beide Tools sind keine reinen Mo­tiv­struk­tur-Analysen. Und hier kommen wir zu einem gewichtigen Kritikpunkt. Während beide System zwar in Motiven skalieren, beziehen sich viele der darauf hinführenden Fragen auf Werte. Ich habe bereits ausgeführt, dass Motive als größtenteils natürlich gelten, während Werte stark kulturell bedingt sind. Auch in der Wortwahl wird dies deutlich, denn während die MSA von dem Motiv Wettkampf spricht, nennt Reiss dieses Motiv Rache/Kampf.

Zum einen erklären diese Subjektivitäten die teilweise deutlichen Abweichungen in den beiden Profilen, obwohl sie kurz hintereinander gemacht wurden. Zum anderen machen sie auch deutlich, dass sich die Ergebnisse der Analysen, und damit scheinbar die Motive, in un­ter­schied­li­chen Lebenslagen verändern. Und das, obwohl Prof. Reiss dies verneint. Diese Verschiebung wird jedoch bereits durch den normalen Wertewandel im Leben bedingt, für den der Test anfällig ist. Während Jugendliche oftmals sehr materiell orientiert sind, verschiebt sich dies im Laufe des Erwachsenwerdens (sofern dieser Prozess eintritt). Zum anderen machen die verwendeten Begriffe das Ergebnis offensichtlich anfällig für Bewertungs- und Interpretationsspielraum. Denn je nachdem, wie ich von meiner Umwelt wertemäßig geprägt wurde, beantworte ich manche Fragen anders, als es vielleicht meiner neutralen Motivation entsprechen würde.

Diese Feinheiten mögen für die meisten Menschen egal sein und im Groben und Ganzen erfüllt das Modell ja auch seinen Zweck, nämlich sich gezielt mit dem Thema Motive auseinander zu setzen. Mich bewahrte dieses Dilemma jedoch davor, mich für eines der Analysetools zer­ti­fi­zie­ren zu lassen und es als Coach oder Trainer anzubieten. Es schien mir bisher einfach nicht ausgereift genug. Welchen Einfluss diese auf Wert-Un­ter­schie­den basierenden Schwankungen in der Praxis haben, lass ich mal dahingestellt. Ich habe mir während meiner Profile damals einige der Testfragen notiert, von denen ich einen seltsamen Eindruck hatte. Damals dachte ich, dass ich nachher vielleicht Missverständnisse klären könne. Bei der Auswertung wurde mir jedoch in beiden Fällen gesagt, das System sei wasserfest und meine Bedenken nicht angebracht. Andererseits wäre das auch nicht geschickt, da mit dem Test weltweit hohe Gewinne erwirtschaftet wurden und werden.

Interessanterweise meldete sich ein Bekannter aus meiner Zeit in Bayreuth auf meinen ersten Blogartikel zum Thema Motivation. Stefan Lapenat ist einer der größten deutsch­spra­chi­gen Experten zum Thema Mo­ti­va­tions­po­ten­zial und Motivationsstrukturen. Er hat den Start des Reiss-Profils in Deutschland begleitet, das Modell der MSA mitentwickelt und nun von Grund auf ein neues Analysetool konzipiert. Dabei hat er Reiss und MSA nochmals hinterfragt und die neuesten Er­kennt­nis­se der Neu­ro­wis­sen­schaf­ten zum Thema limbisches System (Emotionen) in ein vollkommen neues Verfahren fließen lassen: Die MotivationsPotenzialAnalyse (im Folgenden MPA). Unter anderem lässt seine neue Art der Fra­ge­stel­lung weitaus weniger Raum für subjektive Fehlinterpretationen oder Verfälschung durch (sich wandelnde) Werte und sie erfasst auch die Ausprägung der Motive erstmalig.

Die Motivations­Potenzial­Analyse

Natürlich habe ich gleich selbst einen MPA-Test gemacht, um mir zunächst einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Mein Fazit: Tolle und zeitgemäße Neu-Entwicklung – das derzeit beste mir bekannte Analyse-Werkzeug zum Thema Motivation. Und um auch hier gleich einem falschen Verdacht entgegen zu wirken: Weder bekomme ich für diese Aussage oder eventuelle Aufträge eine Vergütung, noch stehe ich Stefan so nahe, dass es sich um einen Freundschaftsdienst handelt. Wer mich kennt weiß, dass ich für verdeckte Werbung nicht zur Verfügung stehe. Ich habe auch zu vielen Kollegen, die Reis anbieten, einen guten Kontakt und schreibe dies alles höchst subjektiv als neugieriger Anwender und erfahrener Coach. Davon abgesehen ist es bekanntlich leichter etwas zu kritisieren, als es selbst zu machen Wer daher sichergehen will, der macht sich am Besten ein eigenes Bild von den einzelnen Analysen. Von der MPA gibt es eine kostenlose Musteranalyse von 4 Motiven, zu der Du über den Link am Anfang des Artikels gelangst.

Was ist anders?

Was mir gleich auffiel war, dass die MPA bei der Skalierung der Antworten emotional herangeht. Bei Reiss und MSA werden die Aussagen bewertet, von „stimmt nicht“ (MSA) und „völlig falsch“ (Reiss) bis „stimmt völlig“ (MSA und Reiss). Bei der MPA ist der Aufbau stattdessen wie folgt: „Situationen, die mir die Möglichkeit bieten, …XY…, empfinde ich ganz allgemein als …“ und dann kommt die Skalierung von „überhaupt nicht anregend“ bis „äußerst anregend“. Alleine die Vorformulierung ist genial. Es werden vom Probanden keine Aussagen mehr bewertet (Wichtigkeit/Werte), die je nach Kontext sehr un­ter­schied­lich ausfallen, sondern die echten Emotionen (Motive) abgefragt. Eine Situation, die eine Möglichkeit bietet ist sehr offen gehalten. Beispiel zum Motiv „Einordnung“ (bei den anderen beiden „Status“): „Situationen, die mir die Möglichkeit bieten, meinen gesellschaftlichen Stand zu vergessen, empfinde ich ganz allgemein als…“. Hier wird ein ganz anderes Szenario vorgegeben und ich kann besser erspüren, ob das für mich anregend ist oder nicht. Im Vergleich zu“ „Mein gesellschaftlicher Status ist mir sehr wichtig“ (Reiss-Profil). Eine Empfindung ist motivierend, ein Wert alleine noch nicht. Da kommen mir sofort Fragen hoch: Sehr wichtig im Bezug auf was, auf welche Situation bezieht sich das, wie ist Status definiert und so weiter.

Ein weiterer Aspekt, der mir wirklich gefällt ist der Grad der Ausprägung. Weder Reiss noch MSA zeigen mir auf, wie stark ich durch eines der Motive tatsächlich motivierbar bin. Sie gehen zwar davon aus, dass es diejenigen sind, die außerhalb der Norm liegen, das ist jedoch sehr voreilig. So können die beiden oben vorgestellten Tools einen Personaler bei der Mitarbeiterauswahl leicht in die Irre führen, wenn er wie selbstverständlich davon ausgeht, dass die Person mit einer hohen Tendenz bei einem Motiv auch zugleich eine starke Intensität desselben habe. Das wird jedoch nirgends erfasst. Anders bei der MPA:

Die MPA weist in jeder Mo­tiv­ka­te­go­rie zwei Balken aus. Während Reiss und MSA nur eine Art 100-Prozent-Verteilung (viel von einem heißt automatisch wenig vom anderen) vornehmen, ist die Fragensystematik der MPA situationsspezifisch konstruiert. Manchmal ist nämlich die Motivation der einen Ausprägung hoch und ein anderes Mal die andere. Wie hoch sie jedoch sein kann, das geht aus Reiss und MSA gar nicht hervor. In der MPA habe ich ebenfalls einen relativ hohen Wert bei Status. Ebenso wichtig ist mir jedoch Na­tür­lich­keit. Dieses Tool ist das erste seiner Art, das meine Philosophie des sowohl als auch umschließt. Nur weil ich in neuen Situationen etwas riskiere, bedeutet das noch nicht, dass ich nicht ebenfalls ein sicherheitsbewusster Mensch sein kann und so weiter. Davon abgesehen gefallen mir auch die Motive und ihre De­fi­ni­tio­nen besser, da sie um die Wert-Ebene, so gut das geht, bereinigt wurden.

Als letzten Punkt, der mir gefällt möchte ich erwähnen, dass keine suggestive Motiv-Wert-Hierarchie besteht, sondern bei der MPA die Motive al­pha­be­tisch angeordnet sind. Ein Detail, das mir gefällt, obwohl ich so völlig unordentlich bin

Die MPA ist zu guter Letzt das einzige dieser Tools, das nicht nur bezüglich der Testkriterien, sondern auch hinsichtlich der Ergebnisse wis­sen­schaft­lich anerkannt ist und zwar nicht von den Vertreibenden selbst (wie im Falle Prof. Reiss). Frau Dr. Susanne Steiner von der TU München vom Lehrstuhl für Psychologie (For­schungs­ge­biet: Motivation, Volition & Selbst­re­gu­la­tion: Grundlagen- & An­wen­dungs­for­schung) begleitete 2012 und 2013 die Entwicklung der MPA ab der ersten Stunde. Ihre aus­führ­li­che Bewertung findest Du hier.

Über den Autor: Stefan Lapenat

Stefan Lapenat ist Mitentwickler der MotivationsPotenzialAnalyse MPA und Geschäftsführer des Instituts für MotivationsPotenziale – einem Geschäftsbereich der HRp GmbH. Seit 2004 ist er in der Motivdiagnostik aktiv: Er begleitete die Markteinführung des Reiss Profile in Europa und entwickelte die darauf aufbauende MotivStrukturAnalyse MSA mit. 2012 wagte er mit einem neuen Team den methodischen Neustart, aus dem – wissenschaftlich begleitet durch die TU München – die MPA entstand. Er ist Diplom-Wirtschaftsinformatiker (FH), BDVT geprüfter Management-Trainer und Unternehmensberater, DVCT geprüfter Business-Coach sowie zertifizierter BusinessCoach der European Business School. Er ist Mitglied im BDVT und im DVCT und war Vorstandsvorsitzender des BDVT. Neben der MPA leitet er als Geschäftsführer das HRperformance Institut in Freiburg. Mehr Informationen zu ihm und dem weiteren MPAteam erfahren Sie hier!
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