Immer wieder erhalten wir Anfragen von HR-Profis, die bereits im Bereich Motivdiagnostik arbeiten. Meistens sind es Trainerinnen und Trainer, Beraterinnen und Berater sowie Coaches, aber auch Personalreferentinnen und Personalentwickler, die für eines der beiden bekanntesten Systeme am Markt – das Reiss Profile* oder die MotivStrukturAnalyse MSA – zertifiziert sind und aus unterschiedlichsten Gründen nach einer Alternative suchen.
Auf unserer Webseite haben wir einige Unterschiede bereits kurz benannt – und auch die Frage beleuchtet, warum die Messung der Intensität einen deutlichen Mehrwert liefern kann. Aus aktuellem Anlass sollen in diesem Blogbeitrag nochmals einige der wesentlichen Unterschiede dargestellt werden.
Diese Unterschiede kann ich auch aus eigener Erfahrung einordnen: Ich habe die Markteinführung des Reiss Profile in Europa begleitet und die MotivStrukturAnalyse MSA mitentwickelt. Genau dieser Blick von innen zeigt, wo beide Systeme an ihre Grenzen stoßen – und wo die MPA bewusst andere Wege geht.
Was wird hier eigentlich gemessen?
Motiv? Wert? Verhalten?
Steven Reiss stellte an den Anfang seiner Forschung die Frage, was Menschen wirklich wichtig sei. Die Antworten darauf können sich über Begrifflichkeiten wie Gesundheit, Familie, Beziehung, Status oder Prestige erstrecken. Eine Konsequenz daraus: Gerd Reimann, Mitglied im Testkuratorium der Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen, urteilte, die gesamte Testkonstruktion basiere auf einem Mischmasch aus Motiven, Werten, Interessen und Rollen – ihm sei daher nicht klar, was der Test messe und ob er überhaupt etwas messe.** Eine Herausforderung, die sowohl das Reiss Profile als auch die darauf aufbauende MotivStrukturAnalyse MSA betrifft.
Motivationspotenziale messen
Um eine solide Wissenschaftlichkeit zu erreichen, basiert das Konstrukt der MotivationsPotenzialAnalyse auf bewährten Verfahren der Motivationspsychologie, unter anderem dem Ansatz der Big Three nach McClelland. Wichtig war dabei eine klare Trennung zwischen Motiven (einem unspezifischen Streben) und Werten (Orientierung für Verhalten), um eine Vermengung wie oben beschrieben bereits im Kern zu vermeiden.
Wo ist denn mein „Motiv“ Familie?
Um es kurz zu machen: Familie ist kein Motiv. Denn wenn Familie ein Motiv wäre, könnte auch Partnerschaft ein Motiv sein – oder Freundschaft. Familie ist ein Wert und gibt dem Motiv „Kontakt“ (dem Streben nach emotionaler Nähe) eine mögliche Richtung, sodass entsprechendes Verhalten entsteht. Eine Person, für die Partnerschaft ein bedeutsamerer Wert ist als Familie, zeigt entsprechend anderes Verhalten – doch beide befriedigen dasselbe Motiv: das Streben nach emotionaler Nähe.
Aber liefert die Messung von „Familie“ nicht trotzdem sinnvolle Ergebnisse? Durchaus – wer nach Familie fragt, erhält auch entsprechende Antworten und eine schlüssige Auswertung. Der Effekt zeigt sich aber oft: Wer „Familie“ niedrig ausprägt, betont häufig stattdessen „Partnerschaft“. Hätte man diesen Aspekt zusätzlich erfragt, wären auch dort schlüssige Antworten zu erwarten gewesen.
Ein Motiv, viele Zuschreibungen
Herkömmliche Systeme ordnen dem Streben nach Wettbewerb Zuschreibungen wie „Konkurrenz suchen“ oder „Sich-durchsetzen“ zu – teils bis hin zu Formulierungen, die Nähe zu Aggressivität oder körperlicher Auseinandersetzung suggerieren. Für die MPA ist entscheidend: Ein ausgeprägtes Streben nach Wettkampf ist zunächst neutral zu betrachten – es zeigt, was jemanden antreibt, nicht, wie diese Person sich zwangsläufig verhält. Genau diese Trennung von Motiv und Verhaltensbewertung ist einer der zentralen Unterschiede der MPA.
* Reiss Profile ist der offizielle Name des von Prof. Dr. Steven Reiss entwickelten Tests. Neben dieser Bezeichnung wird der Test auch als Reiss-Profil, Reiss-Test oder Reissprofil geführt.
** Gerd Reimanns Einschätzung ist überliefert bei Bärbel Schwertfeger: „Frankfurt School: Mit neuem Managerkurs ins Abseits“, MBA Journal, 24. August 2014.



