Unsere Webseite ist neu. Nicht umgezogen, nicht aufgehübscht – neu gebaut. Jede einzelne Seite haben wir neu aufgesetzt, Inhalte entfrachtet, überarbeitet, aktualisiert und manches ganz gestrichen. Und dabei jeden Beitrag seit 2013 noch einmal gelesen. Das war aufschlussreicher als erwartet.

Eine neue Webseite ist für sich genommen keinen Beitrag wert. Interessant wurde die Arbeit daran: Wer jede Seite neu aufsetzt, muss sich zu jedem Inhalt verhalten. Was trägt noch? Was ist über die Jahre Ballast geworden? Was fehlt? Drei Dinge sind uns dabei aufgefallen, die über ein Webprojekt hinausgehen.

Erstens: Ein Archiv ist ein ehrlicher Prüfstein

Unser ältester Beitrag stammt vom Juni 2013 und trägt den denkbar unspektakulären Titel „Webseite online“. Dazwischen liegen Verbandsveröffentlichungen, ein Anwenderbericht, Meilensteine, eine Weihnachtsgeschichte über Rentiere – und ein Aprilscherz.

Wir hatten mit Fremdscham gerechnet. Sie blieb aus. Gealtert sind Zahlen und Anlässe. Zwei unserer Beiträge feiern, dass die Marke von 20 und später von 100 zer­ti­fi­zier­ten MPAexperten erreicht war – heute sind es über 400, und weit mehr als 20.000 Analysen sind seither durchgeführt worden. Was steht, sind die me­tho­di­schen Aussagen. Der Beitrag darüber, warum im Aus­wer­tungs­ge­spräch der Klient der Experte ist und nicht der Berater, könnte unverändert von heute sein.

Das ist keine Leistung, sondern eine Folge der Konstruktion: Wer Verhalten beschreibt, muss nachziehen, sobald sich Arbeitswelt und Sprache ändern. Wer Motive misst, beschreibt etwas Stabileres.

Deshalb sind alle Beiträge mitgekommen – auch die, deren Zahlen längst überholt sind. Sie sind Zeitdokumente, keine Werbeaussagen.

Am meisten zu denken gab uns allerdings der Aprilscherz.

2016 veröffentlichten wir „Schneller, kürzer und endlich mit Wertung“. Darin kündigten wir an, den Fragebogen von 108 auf 50 Fragen zu kürzen, dann auf zehn, schließlich auf fünf – den Rest könne man ja errechnen. Außerdem wollten wir endlich Ampelfarben einführen, weil Klienten es leid seien zu hören, dass es keine besseren und schlechteren Motive gebe.

Das war als Satire gemeint. Und doch beschreibt es etwas, das einem in der Diagnostik immer wieder begegnet: wenige Fragen, dafür vermeintlich große Aussagen.

Zweitens: In­zwi­schen lesen Maschinen mit

Die zweite Erkenntnis ist technischer Natur und betrifft alle, die eine eigene Webseite betreiben.

Jahrelang bestand Suchmaschinenoptimierung im Kern darin, für Google die richtigen Begriffe an die richtigen Stellen zu bringen. Das gilt weiter – reicht aber nicht mehr. Wenn heute jemand ein KI-System nach Mo­tiv­dia­gnos­tik fragt, entscheidet nicht die Platzierung in einer Ergebnisliste, sondern ob das System eine Quelle als Quelle erkennt und einordnen kann.

Das ist ein Unterschied. Ein Text kann fachlich her­vor­ra­gend sein und trotzdem unsichtbar bleiben, wenn nicht maschinenlesbar hinterlegt ist, wer ihn verantwortet, welche Or­ga­ni­sa­tion dahintersteht und mit welcher Qua­li­fi­ka­tion.

Der praktische Teil davon ist unspektakulär: Man hinterlegt eine Art Steckbrief im Quelltext – Name, Anschrift, Trägergesellschaft, Autoren mit ihren Nachweisen, verknüpft mit den Profilen bei den Fachverbänden. Für Besucher ändert sich dadurch nichts. Für Maschinen ändert sich alles: Aus einem Text ohne Absender wird eine zuordenbare Aussage.

Wer das für die eigene Seite prüfen möchte, sollte nicht nach mehr Text suchen, sondern nach Belegbarkeit: Steht irgendwo – auch für Maschinen lesbar – wer hier schreibt und warum diese Person es beurteilen kann?

Drittens: Und genau deshalb bleiben wir dabei

Der dritte Punkt verbindet die ersten beiden. Er ist uns der wichtigste – und er führt zurück zum Aprilscherz.

Dieselbe Technik, die Texte auffindbar macht, schreibt inzwischen auch welche: flüssig, plausibel, überzeugend. Für Diagnostikverfahren ist das eine Versuchung. Eine Auswertung, die Ihnen erklärt, wer Sie sind, wirkt hochwertiger als eine, die Ihnen Messwerte zeigt und Sie selbst denken lässt.

Nur hat das ein Problem, das seit 1948 bekannt ist. Der Psychologe Bertram Forer legte Studierenden ein angeblich in­di­vi­duel­les Persönlichkeitsprofil vor und ließ sie dessen Treffsicherheit bewerten. Die Bewertungen fielen her­vor­ra­gend aus. Alle hatten denselben Text bekommen.

Bekannt wurde das Phänomen später unter einem anderen Namen: als Barnum-Effekt. Der Begriff geht auf den ame­ri­ka­ni­schen Zirkusunternehmer P. T. Barnum zurück, dem der Satz zugeschrieben wird, in seinem Programm sei „für jeden etwas dabei“. Genau darum geht es – um Aussagen, die so gebaut sind, dass sich jeder in ihnen wiederfindet.

Formulierungen, die auf viele zutreffen, empfinden fast alle als erstaunlich persönlich. Es ist der Mechanismus, der Horoskope funktionieren lässt. Ein Aus­wer­tungs­text, der viel Zustimmung erzeugt, ist deshalb noch kein Beleg für Mess­ge­nau­ig­keit.

Sprachmodelle sind in dieser Disziplin ausgesprochen gut. Sie produzieren genau die eingängigen, anschlussfähigen Sätze, die Menschen als treffend erleben. Ohne jede Messgrundlage. Wenige Fragen, dafür griffige Aussagen – was 2016 noch als Übertreibung taugte, lässt sich heute in Sekunden formulieren. Und es liest sich dabei überzeugender denn je.

Die MPA verzichtet deshalb auf zu­schrei­ben­de Texte. Nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Logik: Wir fragen nicht nach Verhalten, also können wir auch keins zuschreiben. Zwei Menschen mit identisch ausgeprägtem Motiv „Kontakt“ leben es völlig un­ter­schied­lich – die eine im großen Freun­des­kreis, der andere in einer engen Part­ner­schaft. Ein zuschreibender Satz müsste sich entscheiden und läge bei vielen daneben.

Stattdessen zeigen wir Motive, De­fi­ni­tio­nen und In­ten­si­tä­ten – ergänzt um Wortwolken: Assoziationsfelder, die zum Weiterdenken anregen, ohne zu behaupten, wie Sie sind. Was davon stimmig ist, entscheiden Sie.

Dass wir dabei bleiben, heißt allerdings nicht, dass wir uns darauf ausruhen. Aus über 20.000 durchgeführten Analysen ist inzwischen eine Datengrundlage entstanden, die es 2013 noch nicht geben konnte. Derzeit läuft eine neue statistische Auswertung dieses Bestands. Wer­tungs­frei­heit ist für uns keine Glaubensfrage, sondern eine Konstruktionsentscheidung – und die gehört regelmäßig überprüft.

Was bleibt

Eine neue Webseite ist zunächst Handwerk. Was wir mitnehmen, ist der Abgleich: eine Methode, die seit über zehn Jahren dieselben Aussagen trägt – und ein Umfeld, in dem es leichter denn je wäre, sie gegen etwas Eingängigeres zu tauschen.

Unser Aprilscherz von 2016 endete mit dem Satz, dass wir wer­tungs­frei bleiben, ohne Ampelfarben, und beide Mo­tiv­aus­prä­gun­gen einzeln messen.

Das gilt unverändert. Nur ist es inzwischen keine Pointe mehr, sondern eine Ent­schei­dung – eine, die wir gerade wieder überprüfen lassen.


Weiterlesen: Der Aprilscherz von 2016 · Häufige Fragen zur MPA · Alle Beiträge seit 2013

Über den Autor: Stefan Lapenat

Stefan Lapenat ist Mitentwickler der MotivationsPotenzialAnalyse MPA und Geschäftsführer des Instituts für MotivationsPotenziale – einem Geschäftsbereich der HRp GmbH. Seit 2004 ist er in der Motivdiagnostik aktiv: Er begleitete die Markteinführung des Reiss Profile in Europa und entwickelte die darauf aufbauende MotivStrukturAnalyse MSA mit. 2012 wagte er mit einem neuen Team den methodischen Neustart, aus dem – wissenschaftlich begleitet durch die TU München – die MPA entstand. Er ist Diplom-Wirtschaftsinformatiker (FH), BDVT geprüfter Management-Trainer und Unternehmensberater, DVCT geprüfter Business-Coach sowie zertifizierter BusinessCoach der European Business School. Er ist Mitglied im BDVT und im DVCT und war Vorstandsvorsitzender des BDVT. Neben der MPA leitet er als Geschäftsführer das HRperformance Institut in Freiburg. Mehr Informationen zu ihm und dem weiteren MPAteam erfahren Sie hier!
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